Manchmal höre ich mich selbst denken: „Zu touristisch, zu voll, zu Instagrammable.“ Und jedes Mal frage ich mich im selben Atemzug: „Was genau stört mich daran eigentlich?“ Als digitaler Nomade bin ich ständig auf der Suche – nach echten Momenten, besonderen Orten, lokalen Begegnungen. Auf carryme.to zeigen wir genau das: die anderen Seiten von Städten wie Valencia, Danzig oder Budapest. Die, die man nicht in jedem Reiseführer findet. Und doch lande ich manchmal genau dort, wo ich früher nicht hinwollte. Zum Beispiel gerade jetzt, auf Gran Canaria. Genauer gesagt: in Las Palmas. Ein Gespräch mit meinem Host brachte mich zum Schmunzeln – und zum Nachdenken. Als ich ihn nach weniger touristischen Gegenden fragte, lachte er: „Weniger touristisch? Du bist auf Gran Canaria.“

Dieser Artikel ist ein Versuch, die Grenze zwischen „touristisch“ und „authentisch“ aufzulösen – oder zumindest zu hinterfragen. Denn manchmal ist touristisch eben einfach nur … schön und korrekt. Doch was bedeutet „zu touristisch“ eigentlich – und aus wessen Sicht? Klar, ich liebe es, durch weniger bekannte Viertel zu schlendern, in Cafés zu sitzen, in denen nicht jede:r mit Google Translate bestellt. Aber macht mich das zu einem besseren Reisenden? Vielleicht geht es weniger darum, wo ich bin, sondern vielmehr wie ich dort bin. Ob ich mich für den Ort interessiere, respektvoll auftrete, mich einlasse – auch wenn um mich herum andere Menschen genau das Gleiche tun. Denn am Ende ist das vielleicht gar nicht das Problem: dass Orte beliebt sind. Sondern, dass wir uns einreden, Beliebtheit mache sie weniger wertvoll.

Gibt es persönliche Eigenschaften, die gute Reisende ausmachen?
Es gibt immer wieder sogenannte Ratgeber, die dir erzählen, was gute Reisende ausmacht. Wir haben uns das genauer angeschaut.

Touristisch = schlecht? Ein Denkfehler.

Die Abneigung gegen „Touristenorte“ sitzt tief. Es wirkt fast so, als müsse man sich schämen, wenn man an einem Ort landet, der beliebt ist. Dabei ist „touristisch“ kein Schimpfwort, sondern ein Zeichen dafür, dass ein Ort etwas zu bieten hat – sei es Natur, Kultur oder einfach gutes Essen mit Aussicht.

Und nicht zuletzt bist du selbst ja auch Tourist:in: Nur weil du mit einem Laptop reist und kein Strandhandtuch brauchst, bedeutet das nicht, dass du weniger zum Trubel beiträgst. Viel eher stellt sich die Frage: Wie gehst du mit dem Ort um? Wie bewusst reist du? Im besten Fall fällt man als Tourist:in nicht auf – oder ist das gar nicht möglich? Können wir überhaupt reisen, ohne Tourist:innen zu sein? Unser Redakteur Ben hat sich ebenfalls diesem Thema gewidmet:

Können wir reisen, ohne Tourist:innen zu sein?
Können wir eigentlich reisen, ohne Tourist:innen zu sein? Diese Frage stelle ich mir auch bei meinen Reisen und versuche so gut es geht, kein Tourist, sondern ein Reisender zu sein.

Der Charme des Versteckten – und seine Kehrseite

Natürlich ist es reizvoll, Orte zu entdecken, die nicht auf jeder Bucket List stehen. Doch mit der Suche nach dem „Unentdeckten“ geht oft ein Rucksack voller Widersprüche einher. Denn sobald ein Ort als Geheimtipp gilt, ist er eigentlich keiner mehr – und genau das wird nicht selten zum Problem für die lokale Bevölkerung. Oder sagen wir, dass sich zumindest ein Spannungsfeld ergibt:

Während der Massentourismus in klar definierten Zonen stattfindet, sickern die Instagram-Spots des Individualtourismus oft direkt in Wohngebiete, erhöhen Mieten oder verändern ganze Nachbarschaften. Oder alles zusammen. Was als „authentisches Reisen“ beginnt, kann für die Anwohner:innen zu einer echten Belastung werden. Andererseits können solche Geheimtipps von hochfrequentierten Orten ablenken. So freut sich vielleicht eine Stadt wie Girona oder Tarragona über Tourismus, während das 100 Kilometer entfernte (und chronisch überfüllte) Barcelona eine Belastung erfährt.

Tourismus als Puffer: Wenn das Ressort auch schützt

Das mag jetzt unromantisch klingen, aber: Manchmal ist ein abgeschirmtes Ressort mit All-inclusive-Bändchen die bessere Lösung – zumindest für die lokale Bevölkerung. Denn je klarer die touristische Infrastruktur von Wohnraum getrennt ist, desto weniger Reibung entsteht.

Ja, diese Orte wirken wie Disneyland. Ja, sie haben wenig mit der Realität des Landes zu tun. Aber genau das kann auch ein Vorteil sein – für Menschen, die einfach in Ruhe leben wollen. Wer lieber unter Einheimischen wohnt, darf das tun, wenn er oder sie sich den Gegebenheiten anpasst. Aber man sollte auch verstehen, dass touristische Zonen nicht immer die böse Seite der Reiselust sind, sondern manchmal schlicht ein Schutzmechanismus.

So können touristisch und damit wirtschaftlich interessante Gebiete nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für Gebäude, Denkmäler und Naturparks als besonders schützenswert ausgewiesen werden. Oft sind es gerade diese touristischen Orte, an denen Investitionen in Infrastruktur, Barrierefreiheit und Umweltschutz zuerst ankommen. Das eingenommene Geld durch Eintrittspreise oder Tourismusabgaben landet – im besten Fall – direkt bei den Kommunen und kommt auch der lokalen Bevölkerung zugute: durch besser ausgebaute Wege, öffentliche Verkehrsmittel, Instandhaltung von Gebäuden oder Kulturveranstaltungen. Was oberflächlich nach Pauschaltourismus aussieht, kann also durchaus einen Beitrag zum Erhalt von Kultur und Natur leisten.

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Statt Entweder-oder: Beides darf sein

Die Wahrheit ist: Es braucht nicht die eine Art zu reisen. Vielleicht liebst du es, dich auf Märkten zu verlieren, dich durch versteckte Gassen zu schlängeln und in kleinen Cafés mit der Besitzerin ins Gespräch zu kommen. Vielleicht genießt du aber auch einfach einen Cocktail im Ressort mit Meerblick und WLAN – und beides ist okay.

Entscheidend ist, wie du reist, nicht wo. Und ob du bereit bist, dein Bild vom „guten Reisen“ ab und zu zu hinterfragen.

Fazit: Lass uns wertfrei reisen

Touristische Orte sind nicht der Feind. Sie sind ein Spiegel unserer Sehnsüchte – nach Schönheit, Sonne, Kultur, Leichtigkeit. Und sie sind auch Orte der Begegnung, der Wirtschaftskraft, manchmal sogar des Schutzes für die einheimische Bevölkerung.

Statt reflexhaft zu urteilen, lohnt es sich, neugierig zu bleiben. Was macht einen Ort besonders – trotz oder gerade wegen seines touristischen Rufs? Vielleicht liegt die Kunst des Reisens genau in der Balance, und diese zu finden. Zwischen Andrang und Abgeschiedenheit. Zwischen Barcelona und einem kleinen Café in Girona. Zwischen dem, was viele suchen – und dem, was du wirklich brauchst.

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